Wissenschaftliche Arbeit: Verhalten, Gehirn und Rehabilitation

1. Wissenschaftliche Grundhaltung

Meine heutige psychotherapeutische Arbeit ist wesentlich durch meine frühere wissenschaftliche Tätigkeit geprägt. Bevor ich psychotherapeutisch in eigener Praxis arbeitete, war ich über viele Jahre in klinischer Forschung, Neuropsy - chologie, Neurologie und Neurorehabilitation tätig. Im Mittelpunkt stand dabei immer eine naturwissenschaftliche Grundhaltung: Psychische und neurologische Phäno - mene sollen nicht spekulativ gedeutet, sondern möglichst präzise beschrieben, operationalisiert, gemessen und überprüft werden. Diese Haltung verbindet meine früheren Forschungsarbeiten mit meiner heutigen verhaltensthera - peutischen Praxis. Besonders wichtig war für mich stets die Frage, wie Verhalten entsteht, wodurch es stabilisiert wird und wie es ver - ändert werden kann. Diese Perspektive zeigt sich bereits in meiner frühen Arbeit zum Matching Law und zur ideal- freien Verteilung, später in meinen Arbeiten zur Bewegungsbeobachtung und Neurorehabilitation und schließlich auch in meiner heutigen therapeutischen Arbeit (1).

2. Behavioristische und mathematische Grundlagen

Ein früher Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Arbeit lag in der mathematischen Beschreibung von Verhalten. In meiner Diplomarbeit beschäftigte ich mich mit dem Matching Law, der ideal-freien Verteilung und der Frage, wie Ver - halten unter Verstärkungs- und Bestrafungskontingenzen modelliert werden kann (1). Das Matching Law beschreibt, wie Organismen ihr Verhalten auf verschiedene Handlungsalternativen verteilen, abhängig davon, welche Verstärkungsraten mit diesen Alternativen verbunden sind. Verhalten wird dabei nicht als Ausdruck verborgener innerer Kräfte verstanden, sondern als regelhaftes Ergebnis von Konsequenzen, Wahrscheinlich - keiten, Kosten und Nutzen. Diese Arbeit zeigt bereits eine Grundlinie, die für mein psychologisches Denken bis heute wesentlich ist: Verhalten ist analysierbar. Es folgt Bedingungen. Es kann mathematisch, experimentell und funktional beschrieben werden. Genau diese Perspektive unterscheidet wissenschaftliche Psychologie von bloßer Menschenkenntnis oder spekulativer Deu - tung.

3. Vom Verhalten zum Gehirn: Spiegelneurone und Bewegungsbeobachtung

Ein weiterer Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Arbeit lag im Bereich des Spiegelneuronensystems. Spiegelneur - one wurden ursprünglich bei Affen beschrieben. Sie zeigen Aktivität sowohl bei der eigenen Ausführung einer Handlung als auch bei der Beobachtung vergleichbarer Handlungen bei anderen Individuen. Daraus entstand die Frage, ob und wie ein solches System beim Menschen für Lernen, Imitation, Bewegungserkennung und Rehabilitation genutzt werden kann (2, 3, 8, 9). Für mich war daran besonders bedeutsam, dass hier Verhalten, Wahrnehmung und neuronale Aktivierung unmittelbar miteinander verbunden werden konnten. Die Beobachtung einer Handlung ist nicht bloß passives Sehen. Sie kann motorische Systeme aktivieren, gespeicherte Bewegungsrepräsentationen anregen und damit Lern- und Reorganisa - tionsprozesse beeinflussen. Damit entstand ein Ansatz, der sehr gut zu meiner behavioralen Grundhaltung passt: Verhalten kann durch beobacht - bares Verhalten anderer angeregt werden. Lernen geschieht nicht nur durch Sprache oder Einsicht, sondern durch Beobachtung, Imitation, Übung und Konsequenz.

4. Action Observation Therapy: Bewegungsbeobachtung als neue neurorehabilitative Methode

Meine wichtigste wissenschaftliche Arbeit betrifft die Entwicklung und Untersuchung einer neuen neurorehabilitativen Methode für Schlaganfallpatienten mit chronifizierten motorischen Störungen der oberen Extremität. Die Grundidee war, die Beobachtung alltagsnaher Handlungen gezielt mit der unmittelbaren Ausführung dieser beobachteten Hand - lungen zu verbinden (4, 5). In der 2007 in NeuroImage veröffentlichten Originalarbeit wurde gezeigt, dass diese Kombination aus Bewegungsbeo - bachtung und physischer Übung bei chronischen Schlaganfallpatienten zu signifikanten Verbesserungen motorischer Funktionen führen kann. Die Patienten beobachteten alltagsnahe Handlungen und führten diese anschließend mit der betroffenen Extremität aus. Die Verbesserungen hielten auch nach Ende der Intervention an. Zusätzlich zeigten fMRT- Daten Aktivierungsveränderungen in motorischen Arealen, die mit dem System der Bewegungsbeobachtung und Bewegungsausführung verbunden sind (4). Diese Arbeit gehört zu den frühen Originalarbeiten zur später sogenannten Action Observation Therapy. Sie zeigte, dass Bewegungsbeobachtung nicht nur ein theoretisch interessantes Phänomen ist, sondern therapeutisch nutzbar gemacht werden kann. Aus einer neuropsychologischen und verhaltenstherapeutischen Perspektive ist daran beson - ders wichtig: Nicht Einsicht oder Deutung steht im Zentrum, sondern ein gezielt strukturierter Lernprozess aus Beobachtung, Handlungsausführung, Wiederholung und neuronaler Reorganisation. Auf diese Arbeit blicke ich mit besonderer Bedeutung zurück. Sie steht für einen wissenschaftlichen Ansatz, der aus Grundlagenforschung eine konkrete therapeutische Anwendung entwickelt: Beobachten, Handeln, Lernen, Verändern.

5. Weiterentwicklung und klinische Einordnung

Nach der ersten Originalarbeit folgten weitere deutsch- und englischsprachige Arbeiten, in denen die theoretischen Grundlagen, die neurophysiologischen Mechanismen und die klinische Bedeutung der Bewegungsbeobachtung im neurorehabilitativen Kontext dargestellt wurden (3, 5, 6, 8, 10). Dabei ging es auch um die Abgrenzung zu traditionellen neurorehabilitativen Verfahren. Klassische Rehabilitation - sansätze arbeiteten lange stark mit passiver Bewegungsanbahnung, Haltungskontrolle oder Tonusregulation. Demgegenüber rückten moderne Ansätze zunehmend Lernen, aktive Übung, Plastizität, Wiederholung und alltagsnahe Handlungsziele in den Mittelpunkt. Die Bewegungsbeobachtung fügt dieser Entwicklung eine besondere Perspektive hinzu. Sie ist ein sogenannter Top- down-Ansatz: Das Gehirn wird nicht nur über die Bewegung der betroffenen Extremität stimuliert, sondern bereits durch die Wahrnehmung relevanter Handlungen. Die anschließende körperliche Übung verstärkt diese Aktivierung und macht sie therapeutisch nutzbar (4, 8, 10).

6. Monographien zur Neurorehabilitation und Objektinteraktion

Neben den Fachartikeln entstanden mehrere Monographien. In der Monographie „Bewegungsbeobachtung als Methode der Neurorehabilitation“ wurde der Ansatz ausführlich dargestellt und in seinen theoretischen, neuropsychologischen und therapeutischen Grundlagen eingeordnet (5). Eine weitere Monographie behandelte das kortikale System der Objektinteraktion. Darin ging es um die neuronalen Grundlagen zielgerichteter Handlungen, insbesondere um das Zusammenspiel frontaler und parietaler Hirnareale bei Greifen, Handeln, Objektwahrnehmung und motorischer Kontrolle (7). Diese Arbeiten zeigen eine fortlaufende Linie: Verhalten ist nicht vom Gehirn zu trennen, aber auch nicht auf Hirn - areale zu reduzieren. Entscheidend ist das funktionelle System: Wahrnehmung, Handlungsziel, Bewegungsvorbereit - ung, Ausführung, Rückmeldung und Lernen. Genau diese funktionale Perspektive ist auch für die Psychotherapie bedeutsam.

7. Schlaf, Lernen und Gedächtniskonsolidierung

Ein weiterer wissenschaftlicher Schwerpunkt betraf Schlaf, Lernen und Gedächtniskonsolidierung. In der 2012 in PLOS ONE veröffentlichten Arbeit „Skill Memory Escaping from Distraction by Sleep“ wurde untersucht, wie Schlaf die Kon - solidierung prozeduraler Lernprozesse beeinflusst, wenn diese Lernprozesse durch eine gleichzeitig ausgeführte Aufgabe abgelenkt werden (12). Die Studie verwendete ein Dual-Task-Paradigma: Eine prozedurale Serial-Reaction-Time-Aufgabe wurde mit einer deklarativen Wortpaaraufgabe kombiniert. Die prozedurale Aufgabe war dabei nicht als Hauptaufgabe gekennzeichnet, sondern lief unter Bedingungen starker Ablenkung. Die Ergebnisse zeigten, dass Schlaf die spätere Leistungs - verbesserung in der prozeduralen Aufgabe begünstigte, obwohl diese Aufgabe während des Lernens durch eine konkurrierende Aufgabe überlagert war (12). Auch diese Arbeit passt zu meiner allgemeinen wissenschaftlichen Linie. Sie zeigt, dass Lernen nicht nur bewusst, sprachlich oder einsichtig geschieht. Verhalten und Fertigkeiten können implizit erworben, im Schlaf weiterverarbeitet und später leistungsrelevant werden. Psychologisch ist dies besonders interessant, weil es zeigt, dass Veränderung häufig auf mehreren Ebenen geschieht: Verhalten, Wiederholung, Gedächtnis, Konsolidierung und spätere Abruf - barkeit.

8. Weitere psychologische Themen: Schlaf, Suizid und soziale Urteile

Neben der Neurorehabilitation habe ich auch Monographien zu weiteren psychologischen Themen verfasst, unter anderem zu Schlaf und Suizid (13, 14). Auch hier stand für mich im Vordergrund, komplexe psychologische Phäno - mene systematisch zu ordnen, definitorisch zu klären und aus verschiedenen theoretischen Perspektiven zu betrachten. Später entstand außerdem eine empirische Arbeit zu sexuellen Belästigungsmythen und victim blaming bei Lehrkräften in Deutschland. Die Studie untersuchte, ob sich männliche und weibliche Lehrkräfte in der Zustimmung zu Mythen über sexuelle Belästigung unterscheiden. Es zeigte sich kein signifikanter Geschlechtsunterschied. Daraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass sich aus dem Geschlecht einer Lehrkraft allein keine zuverlässige Empfehlung ableiten lässt, an wen sich Betroffene wenden sollten (15). Auch diese Arbeit steht letztlich in einer wissenschaftlichen Tradition, die nicht von moralischen Vorannahmen ausgeht, sondern prüft, was sich empirisch zeigen lässt.

9. Bedeutung für meine heutige psychotherapeutische Arbeit

Meine wissenschaftliche Arbeit prägt meine heutige psychotherapeutische Haltung deutlich. Ich verstehe Psychother - apie nicht als spekulative Deutungskunst, sondern als Arbeit an nachvollziehbaren, überprüfbaren und veränderbaren Prozessen. Aus der Verhaltensexperimentalforschung stammt der Blick auf Konsequenzen, Verstärkung, Vermeidung und Hand - lungswahrscheinlichkeiten. Aus der Neuropsychologie stammt der Blick auf Gehirn, Lernen, Plastizität, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Handlungssysteme. Aus der Neurorehabilitation stammt die Erfahrung, dass Verän - derung nicht durch bloßes Reden entsteht, sondern durch gezielte Übung, Wiederholung, Aktivierung und alltagsnahe Anwendung. Diese Verbindung ist für meine Praxis wesentlich: Psychische Beschwerden werden nicht mystifiziert. Sie werden als Muster von Wahrnehmung, Bewertung, Körperreaktion, Verhalten und Konsequenz verstanden. Entscheidend ist nicht, möglichst tief zu deuten, sondern möglichst genau zu verstehen, wie ein Problem funktioniert und wo Veränderung ansetzen kann.

10. Zusammenfassung

Meine wissenschaftliche Arbeit verbindet behavioristische Grundlagen, mathematische Modellierung von Verhalten, Neuropsychologie, Spiegelneuronensystem, Bewegungsbeobachtung, Schlaf, Lernen und klinische Anwendung. Der zentrale Schwerpunkt liegt in der Entwicklung und wissenschaftlichen Untersuchung der Bewegungsbeobachtung als neurorehabilitativer Methode nach Schlaganfall. Die 2007 veröffentlichte NeuroImage-Arbeit zur Action Observation Therapy gehört zu den frühen Originalarbeiten dieses Therapieansatzes und wurde international breit rezipiert. Für meine heutige psychotherapeutische Arbeit ergibt sich daraus eine klare Haltung: Psychologie muss wissenschaft - lich, überprüfbar und praktisch wirksam sein. Verhalten steht im Zentrum. Veränderung entsteht durch Lernen, Übung, neue Erfahrungen und überprüfbare Interventionen. Genau diese Linie verbindet meine Forschung mit meiner heuti - gen Arbeit als Psychologischer Psychotherapeut für Verhaltenstherapie.

Quellen

1 . Ertelt, D. (2004). *Matching Matching Law und Ideal-freie Verteilung. Eine Einführung mittels der Synthese unter Bestrafungskontingenzen*. Mensch und Buch. 2 . Binkofski, F., Ertelt, D., Dettmers, C., & Buccino, G. (2005). Das Spiegelneuronensystem und seine Rolle in der neurologischen Rehabilitation. In C. Dettmers & C. Weiller (Hrsg.), *Update Neurologische Rehabilitation*. H i p p o - campus. 3 . Ertelt, D., Buccino, G., Dettmers, C., & Binkofski, F. (2007). Bewegungsbeobachtung im neurorehabilitativen Kontext. *Neurologie & Rehabilitation, 13*(5), 262–271. 4 . Ertelt, D., Small, S., Solodkin, A., Dettmers, C., McNamara, A., Binkofski, F., & Buccino, G. (2007). Action o b s e r - vation has a positive impact on rehabilitation of motor deficits after stroke. *NeuroImage, 36*(Suppl. 2), T164–T173. 5 . Ertelt, D. (2008). *Bewegungsbeobachtung als Methode der Neurorehabilitation*. Hippocampus Monographien. Hippocampus. 6 . Binkofski, F., & Ertelt, D. (2008). Von den Spiegelneuronen zur Neurorehabilitation. In F. Hamzei, F. Binkofski, D. Ertelt et al., *Update Physiotherapie*. Thieme. 7 . Ertelt, D. (2009). *Das kortikale System der Objektinteraktion*. Hippocampus Monographien. Hippocampus. 8 . Ertelt, D., & Binkofski, F. (2011/2012). Bewegungsvorstellung und Bewegungsbeobachtung bei der Therapie von zerebral gestörten Handfunktionen. In D. A. Nowak (Hrsg.), *Handfunktionsstörungen in der Neurologie*. Springer. 9 . Ertelt, D., & Binkofski, F. (2011/2012). Spiegelneurone. In D. A. Nowak (Hrsg.), *Handfunktionsstörungen in der Neurologie*. Springer. 1 0 . Ertelt, D., & Binkofski, F. (2012). Action observation as a tool for neurorehabilitation to moderate motor deficits and aphasia following stroke. *Neural Regeneration Research, 7*(26), 2063–2074. 1 1 . Ertelt, D., Hemmelmann, C., Dettmers, C., Ziegler, A., & Binkofski, F. (2012). Observation and execution of upper- limb movements as a tool for rehabilitation of motor deficits in paretic stroke patients: Protocol of a randomized clinical trial. *BMC Neurology, 12*, 42. 1 2 . Ertelt, D., Witt, K., Reetz, K., Frank, W., Junghanns, K., Backhaus, J., Tadic, V., Pellicano, A., Born, J., & Binkofski, F. (2012). Skill memory escaping from distraction by sleep—Evidence from dual-task performance. *PLOS ONE, 7*(12), e50983. 1 3 . Ertelt, D. (2008). *Schlaf – Eine Einführung*. Akademische Verlagsgesellschaft Martin Meidenbauer. 1 4 . Ertelt, D. (2008). *Suizid Definition eines psychologischen Phänomens*. Akademische Verlagsgesellschaft Martin Meidenbauer. 1 5 . Ertelt, D. (2018). No gender differences in endorsement of sexual harassment myths of teachers in Germany? *Medical and Dental Research, 1*(3), 1–2.
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Wissenschaftliche Arbeit: Verhalten,

Gehirn und Rehabilitation

1. Wissenschaftliche Grundhaltung

Meine heutige psychotherapeutische Arbeit ist wesentlich durch meine frühere wissenschaftliche Tätigkeit geprägt. Bevor ich psychotherapeutisch in eigener Praxis arbeitete, war ich über viele Jahre in klinischer Forschung, Neuropsychologie, Neurologie und Neurorehabilitation tätig. Im Mittelpunkt stand dabei immer eine naturwis - senschaftliche Grundhaltung: Psychische und neurologische Phänomene sollen nicht spekulativ gedeutet, sondern möglichst präzise beschrieben, operationalisiert, gemessen und überprüft werden. Diese Haltung verbindet meine früheren Forschungsarbeiten mit meiner heutigen verhal - tenstherapeutischen Praxis. Besonders wichtig war für mich stets die Frage, wie Verhalten entsteht, wodurch es stabilisiert wird und wie es verändert werden kann. Diese Perspektive zeigt sich bereits in meiner frühen Arbeit zum Matching Law und zur ideal-freien Ver - teilung, später in meinen Arbeiten zur Bewe - gungsbeobachtung und Neurorehabilitation und schließlich auch in meiner heutigen therapeut - ischen Arbeit (1).

2. Behavioristische und mathematische

Grundlagen

Ein früher Schwerpunkt meiner wissenschaftlichen Arbeit lag in der mathematischen Beschreibung von Verhalten. In meiner Diplomarbeit beschäftigte ich mich mit dem Matching Law, der ideal-freien Verteilung und der Frage, wie Verhal - ten unter Verstärkungs- und Bestrafungskontin - genzen modelliert werden kann (1). Das Matching Law beschreibt, wie Organismen ihr Verhalten auf verschiedene Handlungsalternativen verteilen, abhängig davon, welche Verstärkungs - raten mit diesen Alternativen verbunden sind. Verhalten wird dabei nicht als Ausdruck ver - borgener innerer Kräfte verstanden, sondern als regelhaftes Ergebnis von Konsequenzen, Wahr - scheinlichkeiten, Kosten und Nutzen. Diese Arbeit zeigt bereits eine Grundlinie, die für mein psychologisches Denken bis heute wesentlich ist: Verhalten ist analysierbar. Es folgt Bedingun - gen. Es kann mathematisch, experimentell und funktional beschrieben werden. Genau diese Per - spektive unterscheidet wissenschaftliche Psycholo - gie von bloßer Menschenkenntnis oder spekulativer Deutung.

3. Vom Verhalten zum Gehirn: Spiegelneur-

one und Bewegungsbeobachtung

Ein weiterer Schwerpunkt meiner wissenschaft - lichen Arbeit lag im Bereich des Spiegelneuron - ensystems. Spiegelneurone wurden ursprünglich bei Affen beschrieben. Sie zeigen Aktivität sowohl bei der eigenen Ausführung einer Handlung als auch bei der Beobachtung vergleichbarer Handlun - gen bei anderen Individuen. Daraus entstand die Frage, ob und wie ein solches System beim Menschen für Lernen, Imitation, Bewegungserken - nung und Rehabilitation genutzt werden kann (2, 3, 8, 9). Für mich war daran besonders bedeutsam, dass hier Verhalten, Wahrnehmung und neuronale Akt - ivierung unmittelbar miteinander verbunden werden konnten. Die Beobachtung einer Handlung ist nicht bloß passives Sehen. Sie kann motorische Systeme aktivieren, gespeicherte Bewegungs - repräsentationen anregen und damit Lern- und Reorganisationsprozesse beeinflussen. Damit entstand ein Ansatz, der sehr gut zu meiner behavioralen Grundhaltung passt: Verhalten kann durch beobachtbares Verhalten anderer angeregt werden. Lernen geschieht nicht nur durch Sprache oder Einsicht, sondern durch Beobachtung, Imita - tion, Übung und Konsequenz.

4. Action Observation Therapy: Bewe-

gungsbeobachtung als neue neurorehabil-

itative Methode

Meine wichtigste wissenschaftliche Arbeit betrifft die Entwicklung und Untersuchung einer neuen neurorehabilitativen Methode für Schlaganfallpa - tienten mit chronifizierten motorischen Störungen der oberen Extremität. Die Grundidee war, die Beobachtung alltagsnaher Handlungen gezielt mit der unmittelbaren Ausführung dieser beo - bachteten Handlungen zu verbinden (4, 5). In der 2007 in NeuroImage veröffentlichten Ori - ginalarbeit wurde gezeigt, dass diese Kombination aus Bewegungsbeobachtung und physischer Übung bei chronischen Schlaganfallpatienten zu signifikanten Verbesserungen motorischer Funk - tionen führen kann. Die Patienten beobachteten alltagsnahe Handlungen und führten diese anschließend mit der betroffenen Extremität aus. Die Verbesserungen hielten auch nach Ende der Intervention an. Zusätzlich zeigten fMRT-Daten Aktivierungsveränderungen in motorischen Arealen, die mit dem System der Bewegungsbeo - bachtung und Bewegungsausführung verbunden sind (4). Diese Arbeit gehört zu den frühen Originalarbeiten zur später sogenannten Action Observation Ther - apy. Sie zeigte, dass Bewegungsbeobachtung nicht nur ein theoretisch interessantes Phänomen ist, sondern therapeutisch nutzbar gemacht wer - den kann. Aus einer neuropsychologischen und verhaltenstherapeutischen Perspektive ist daran besonders wichtig: Nicht Einsicht oder Deutung steht im Zentrum, sondern ein gezielt struktur - ierter Lernprozess aus Beobachtung, Handlung - sausführung, Wiederholung und neuronaler Reorganisation. Auf diese Arbeit blicke ich mit besonderer Bedeu - tung zurück. Sie steht für einen wissenschaftlichen Ansatz, der aus Grundlagenforschung eine konkrete therapeutische Anwendung entwickelt: Beobachten, Handeln, Lernen, Verändern.

5. Weiterentwicklung und klinische Einord-

nung

Nach der ersten Originalarbeit folgten weitere deutsch- und englischsprachige Arbeiten, in denen die theoretischen Grundlagen, die neurophysiolo - gischen Mechanismen und die klinische Bedeutung der Bewegungsbeobachtung im neurorehabilitat - iven Kontext dargestellt wurden (3, 5, 6, 8, 10). Dabei ging es auch um die Abgrenzung zu tradi - tionellen neurorehabilitativen Verfahren. Klassis - che Rehabilitationsansätze arbeiteten lange stark mit passiver Bewegungsanbahnung, Haltungskon - trolle oder Tonusregulation. Demgegenüber rückten moderne Ansätze zunehmend Lernen, akt - ive Übung, Plastizität, Wiederholung und alltags - nahe Handlungsziele in den Mittelpunkt. Die Bewegungsbeobachtung fügt dieser Entwicklung eine besondere Perspektive hinzu. Sie ist ein sogenannter Top-down-Ansatz: Das Gehirn wird nicht nur über die Bewegung der betroffenen Extremität stimuliert, sondern bereits durch die Wahrnehmung relevanter Handlungen. Die anschließende körperliche Übung verstärkt diese Aktivierung und macht sie therapeutisch nutzbar (4, 8, 10).

6. Monographien zur Neurorehabilitation

und Objektinteraktion

Neben den Fachartikeln entstanden mehrere Monographien. In der Monographie „Bewe - gungsbeobachtung als Methode der Neurorehabil - itation“ wurde der Ansatz ausführlich dargestellt und in seinen theoretischen, neuropsychologis - chen und therapeutischen Grundlagen eingeordnet (5). Eine weitere Monographie behandelte das kortikale System der Objektinteraktion. Darin ging es um die neuronalen Grundlagen zielgerichteter Handlungen, insbesondere um das Zusammenspiel frontaler und parietaler Hirnareale bei Greifen, Handeln, Objektwahrnehmung und motorischer Kontrolle (7). Diese Arbeiten zeigen eine fortlaufende Linie: Ver - halten ist nicht vom Gehirn zu trennen, aber auch nicht auf Hirnareale zu reduzieren. Entscheidend ist das funktionelle System: Wahrnehmung, Hand - lungsziel, Bewegungsvorbereitung, Ausführung, Rückmeldung und Lernen. Genau diese funk - tionale Perspektive ist auch für die Psychotherapie bedeutsam.

7. Schlaf, Lernen und Gedächtniskon-

solidierung

Ein weiterer wissenschaftlicher Schwerpunkt betraf Schlaf, Lernen und Gedächtniskonsolidier - ung. In der 2012 in PLOS ONE veröffentlichten Arbeit „Skill Memory Escaping from Distraction by Sleep“ wurde untersucht, wie Schlaf die Kon - solidierung prozeduraler Lernprozesse beeinflusst, wenn diese Lernprozesse durch eine gleichzeitig ausgeführte Aufgabe abgelenkt werden (12). Die Studie verwendete ein Dual-Task-Paradigma: Eine prozedurale Serial-Reaction-Time-Aufgabe wurde mit einer deklarativen Wortpaaraufgabe kombiniert. Die prozedurale Aufgabe war dabei nicht als Hauptaufgabe gekennzeichnet, sondern lief unter Bedingungen starker Ablenkung. Die Ergebnisse zeigten, dass Schlaf die spätere Leis - tungsverbesserung in der prozeduralen Aufgabe begünstigte, obwohl diese Aufgabe während des Lernens durch eine konkurrierende Aufgabe über - lagert war (12). Auch diese Arbeit passt zu meiner allgemeinen wissenschaftlichen Linie. Sie zeigt, dass Lernen nicht nur bewusst, sprachlich oder einsichtig geschieht. Verhalten und Fertigkeiten können implizit erworben, im Schlaf weiterverarbeitet und später leistungsrelevant werden. Psychologisch ist dies besonders interessant, weil es zeigt, dass Veränderung häufig auf mehreren Ebenen geschieht: Verhalten, Wiederholung, Gedächtnis, Konsolidierung und spätere Abrufbarkeit.

8. Weitere psychologische Themen: Sch-

laf, Suizid und soziale Urteile

Neben der Neurorehabilitation habe ich auch Monographien zu weiteren psychologischen The - men verfasst, unter anderem zu Schlaf und Suizid (13, 14). Auch hier stand für mich im Vorder - grund, komplexe psychologische Phänomene systematisch zu ordnen, definitorisch zu klären und aus verschiedenen theoretischen Perspektiven zu betrachten. Später entstand außerdem eine empirische Arbeit zu sexuellen Belästigungsmythen und victim blam - ing bei Lehrkräften in Deutschland. Die Studie untersuchte, ob sich männliche und weibliche Lehrkräfte in der Zustimmung zu Mythen über sexuelle Belästigung unterscheiden. Es zeigte sich kein signifikanter Geschlechtsunterschied. Daraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass sich aus dem Geschlecht einer Lehrkraft allein keine zuver - lässige Empfehlung ableiten lässt, an wen sich Betroffene wenden sollten (15). Auch diese Arbeit steht letztlich in einer wis - senschaftlichen Tradition, die nicht von moralis - chen Vorannahmen ausgeht, sondern prüft, was sich empirisch zeigen lässt.

9. Bedeutung für meine heutige psycho-

therapeutische Arbeit

Meine wissenschaftliche Arbeit prägt meine heut - ige psychotherapeutische Haltung deutlich. Ich verstehe Psychotherapie nicht als spekulative Deutungskunst, sondern als Arbeit an nachvollziehbaren, überprüfbaren und ver - änderbaren Prozessen. Aus der Verhaltensexperimentalforschung stammt der Blick auf Konsequenzen, Verstärkung, Ver - meidung und Handlungswahrscheinlichkeiten. Aus der Neuropsychologie stammt der Blick auf Gehirn, Lernen, Plastizität, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Handlungssysteme. Aus der Neurorehabilitation stammt die Erfahrung, dass Veränderung nicht durch bloßes Reden entsteht, sondern durch gezielte Übung, Wiederholung, Akt - ivierung und alltagsnahe Anwendung. Diese Verbindung ist für meine Praxis wesentlich: Psychische Beschwerden werden nicht mystifiziert. Sie werden als Muster von Wahrnehmung, Bewer - tung, Körperreaktion, Verhalten und Konsequenz verstanden. Entscheidend ist nicht, möglichst tief zu deuten, sondern möglichst genau zu verstehen, wie ein Problem funktioniert und wo Veränderung ansetzen kann.

10. Zusammenfassung

Meine wissenschaftliche Arbeit verbindet behavior - istische Grundlagen, mathematische Modellierung von Verhalten, Neuropsychologie, Spiegelneuron - ensystem, Bewegungsbeobachtung, Schlaf, Lernen und klinische Anwendung. Der zentrale Schwerpunkt liegt in der Entwicklung und wissenschaftlichen Untersuchung der Bewe - gungsbeobachtung als neurorehabilitativer Meth - ode nach Schlaganfall. Die 2007 veröffentlichte NeuroImage-Arbeit zur Action Observation Ther - apy gehört zu den frühen Originalarbeiten dieses Therapieansatzes und wurde international breit rezipiert. Für meine heutige psychotherapeutische Arbeit ergibt sich daraus eine klare Haltung: Psychologie muss wissenschaftlich, überprüfbar und praktisch wirksam sein. Verhalten steht im Zentrum. Verän - derung entsteht durch Lernen, Übung, neue Erfahrungen und überprüfbare Interventionen. Genau diese Linie verbindet meine Forschung mit meiner heutigen Arbeit als Psychologischer Psy - chotherapeut für Verhaltenstherapie.

Quellen

1 . Ertelt, D. (2004). *Matching Matching Law und Ideal-freie Verteilung. Eine Einführung mittels der Synthese unter B e s t r a f u n g - skontingenzen*. Mensch und Buch. 2 . Binkofski, F., Ertelt, D., Dettmers, C., & Buccino, G. (2005). Das S p i e g e l n e u r o n - ensystem und seine Rolle in der n e u r o l o g i s - chen Rehabilitation. In C. Dettmers & C. Weiller (Hrsg.), *Update Neurologische Rehabilitation*. Hippocampus. 3 . Ertelt, D., Buccino, G., Dettmers, C., & Binkofski, F. (2007). Bewegungsbeobachtung im neurorehabilitativen Kontext. *Neurologie & Rehabilitation, 13*(5), 262–271. 4 . Ertelt, D., Small, S., Solodkin, A., Dettmers, C., McNamara, A., Binkofski, F., & Buccino, G. (2007). Action observation has a positive impact on rehabilitation of motor deficits after stroke. *NeuroImage, 36*(Suppl. 2), T164–T173. 5 . Ertelt, D. (2008). *Bewegungsbeobachtung als Methode der Neurorehabilitation*. Hippocampus Monographien. Hippocampus. 6 . Binkofski, F., & Ertelt, D. (2008). Von den Spiegelneuronen zur Neurorehabilitation. In F. Hamzei, F. Binkofski, D. Ertelt et al., *Update Physiotherapie*. Thieme. 7 . Ertelt, D. (2009). *Das kortikale System der Objektinteraktion*. Hippocampus M o n o - graphien. Hippocampus. 8 . Ertelt, D., & Binkofski, F. (2011/2012). Bewegungsvorstellung und B e w e g u n g s b e o - bachtung bei der Therapie von z e r e b r a l gestörten Handfunktionen. In D. A. N o w a k (Hrsg.), *Handfunktionsstörungen in d e r Neurologie*. Springer. 9 . Ertelt, D., & Binkofski, F. (2011/2012). Spiegelneurone. In D. A. Nowak (Hrsg.), *Handfunktionsstörungen in der Neurologie*. Springer. 1 0 . Ertelt, D., & Binkofski, F. (2012). Action observation as a tool for neurorehabilitation to moderate motor deficits and aphasia f o l - lowing stroke. *Neural Regeneration Research, 7*(26), 2063–2074. 1 1 . Ertelt, D., Hemmelmann, C., Dettmers, C., Z i e - gler, A., & Binkofski, F. (2012). O b s e r v a t i o n and execution of upper-limb movements as a tool for rehabilitation of motor deficits in paretic stroke patients: Protocol of a random - ized clinical trial. *BMC Neurology, 12*, 42. 1 2 . Ertelt, D., Witt, K., Reetz, K., Frank, W., Junghanns, K., Backhaus, J., Tadic, V., P e l - licano, A., Born, J., & Binkofski, F. (2012). Skill memory escaping from distraction by sleep—Evidence from dual-task performance. *PLOS ONE, 7*(12), e50983. 1 3 . Ertelt, D. (2008). *Schlaf Eine Einführung*. Akademische Verlagsgesellschaft Martin Meidenbauer. 1 4 . Ertelt, D. (2008). *Suizid Definition eines psychologischen Phänomens*. Akademische Verlagsgesellschaft Martin Meidenbauer. 1 5 . Ertelt, D. (2018). No gender differences in endorsement of sexual harassment myths of teachers in Germany? *Medical and Dental Research, 1*(3), 1–2.
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