Emotionen: wichtige Signale, aber kein Zentrum der
Psychologie
1. Warum eine Seite über Emotionen?
Emotionen
interessieren
viele
Menschen.
Das
ist
verständlich,
denn
Angst,
Ärger,
Trauer,
Scham,
Schuld,
Freude,
Ekel,
Hoffnung
oder
Enttäuschung
gehören
zum
unmittelbaren
Erleben
des
Menschen.
Viele
psychische
Beschwerden
werden
zudem
emotional
erlebt:
Angst
fühlt
sich
bedrohlich
an,
Depression
leer
oder
hoffnungslos,
Scham
lähmend,
Ärger
drängend,
Trauer schwer.
Gleichzeitig
gibt
es
über
Emotionen
viele
Missverständnisse.
Häufig
entsteht
der
Eindruck,
Psychologie
und
Psychotherapie
seien
vor
allem
etwas
„Gefühliges“.
Ein
Psychotherapeut
müsse
besonders
gefühlvoll
sein,
besonders
viel
Empathie
besitzen
oder
vor
allem
helfen,
Gefühle
auszudrücken.
Diese
Vorstellung
ist
zu
einfach.
Emotionen
sind
wichtig,
aber
sie
sind
nicht
das
Zentrum
psychologischer
Wissenschaft
und
auch
nicht
der
alleinige
Schlüssel
psychotherapeutischer Veränderung (1, 2, 3).
Aus
wissenschaftlicher
Sicht
sind
Emotionen
keine
geheimnisvollen
inneren
Wahrheiten.
Sie
sind
psychobiologische
Reaktionsmuster,
die
im
Verlauf
der
Evolution
entstanden
sind,
weil
sie
unter
bestimmten
Bedingungen
überlebensdienlich
waren.
Sie
lenken
Aufmerksamkeit,
bereiten
Verhalten
vor,
beeinflussen
den
Körper,
strukturieren
soziale
Kommunikation
und
bewerten
Situationen
im
Hinblick
auf
Ziele,
Bedürfnisse
und
Gefahren.
Gleichzeitig
können
Emotionen
heute
auch
hinderlich
werden,
wenn
alte
Reaktionsprogramme
nicht
mehr
zur
aktuellen Situation passen (1, 2, 4).
2. Emotion, Gefühl, Affekt und Stimmung
Im
Alltag
werden
die
Begriffe
Emotion,
Gefühl,
Affekt
und
Stimmung
oft
gleichbedeutend
verwendet. Wissenschaftlich ist eine Unterscheidung sinnvoll.
Eine
Emotion
ist
ein
umfassender
Prozess.
Sie
umfasst
eine
Bewertung
der
Situation,
körperliche
Aktivierung,
Ausdrucksverhalten,
Handlungstendenzen,
subjektives
Erleben
und
Regulationsprozesse.
Angst
ist
also
nicht
nur
ein
Gefühl,
sondern
ein
gesamtes
Reaktionssystem:
Aufmerksamkeit
richtet
sich
auf
Gefahr,
der
Körper
wird
aktiviert,
Flucht
oder
Vermeidung
werden
wahrscheinlicher,
und
die
Situation
wird
als
bedrohlich
erlebt
(1,
2,
5).
Das
Gefühl
ist
die
subjektive,
bewusste
Seite
einer
Emotion.
Es
ist
das,
was
eine
Person
innerlich
erlebt
und
sprachlich
beschreibt:
„Ich
habe
Angst“,
„Ich
bin
traurig“,
„Ich
bin
wütend“.
Gefühl
ist
damit
ein
Teil
der
Emotion,
aber
nicht
die
ganze
Emotion.
Eine
Emotion
kann Verhalten und Körperreaktionen beeinflussen, bevor sie bewusst benannt wird (1, 6).
Ein
Affekt
bezeichnet
meist
eine
besonders
kurze,
intensive
und
schwerer
kontrollierbare
emotionale
Reaktion.
Eine
Stimmung
ist
dagegen
länger
andauernd,
diffuser
und
weniger
eindeutig
an
einen
bestimmten
Auslöser
gebunden.
Man
kann
gereizt,
gedrückt
oder
angespannt sein, ohne genau sagen zu können, wodurch dies ausgelöst wurde (1, 2, 5).
3. Wozu Emotionen ursprünglich dienten
Emotionen
haben
eine
evolutionäre
Funktion.
Angst
kann
auf
Gefahr
vorbereiten,
Ekel
vor
Kontamination
schützen,
Ärger
Grenzen
verteidigen,
Trauer
Rückzug
und
Neuorientierung
ermöglichen,
Scham
soziale
Anpassung
unterstützen
und
Freude
Annäherung
sowie
Wiederholung günstiger Erfahrungen fördern (1, 4, 7).
Diese
Funktionen
bedeuten
aber
nicht,
dass
Emotionen
immer
hilfreich
oder
„wahr“
sind.
Ein
System,
das
in
einer
gefährlichen
Umwelt
nützlich
war,
kann
in
modernen
Lebenssituationen
überreagieren.
Soziale
Angst
kann
auch
dann
entstehen,
wenn
objektiv
keine
Gefahr
besteht.
Ärger
kann
eskalieren,
obwohl
Abwarten
günstiger
wäre.
Scham
kann
lähmen,
obwohl
kein
tatsächlicher
sozialer
Ausschluss
droht.
Traurigkeit
kann
sich
verselbständigen
und
in
Rückzug
münden (2, 5, 8).
Emotionen
sind
daher
nicht
automatisch
gute
Ratgeber.
Sie
sind
schnelle,
oft
grobe
Bewertungssysteme.
Sie
können
wichtige
Hinweise
geben,
aber
sie
können
auch
irren.
Psychologisch
entscheidend
ist
nicht,
einer
Emotion
blind
zu
folgen,
sondern
zu
verstehen,
unter welchen Bedingungen sie entsteht und welches Verhalten sie vorbereitet.
4. Emotionen als Bewertungs- und Reaktionsprozesse
Viele
moderne
Emotionstheorien
gehen
davon
aus,
dass
Emotionen
eng
mit
Bewertungen
verbunden
sind.
Ein
Ereignis
wird
emotional
bedeutsam,
wenn
es
für
Ziele,
Bedürfnisse,
Motive
oder
Werte
einer
Person
relevant
ist.
Dasselbe
Ereignis
kann
daher
bei
verschiedenen
Personen
unterschiedliche
Emotionen
auslösen.
Eine
Prüfung
kann
als
Herausforderung,
Bedrohung, Chance oder Demütigung erlebt werden (2, 9).
Emotionen
entstehen
also
nicht
einfach
aus
der
Situation
selbst,
sondern
aus
der
Bedeutung,
die
diese
Situation
für
die
Person
hat.
Diese
Bedeutung
kann
bewusst
sein,
muss
es
aber
nicht.
Sie
kann
auf
Lernerfahrungen,
Erwartungen,
Gewohnheiten,
körperlichen
Zuständen,
sozialem Kontext und früheren Konsequenzen beruhen (1, 2, 5).
Für
Psychotherapie
ist
das
bedeutsam,
weil
emotionale
Probleme
nicht
dadurch
gelöst
werden,
dass
man
Gefühle
nur
ausdrückt.
Entscheidend
ist
die
Analyse:
Welche
Situation
löst
die
Reaktion
aus?
Welche
Bewertung
findet
statt?
Welche
körperlichen
Reaktionen
entstehen?
Welches
Verhalten
folgt?
Welche
kurzfristigen
und
langfristigen
Konsequenzen
stabilisieren
das
Muster?
5. Emotion und Motivation
Emotion
und
Motivation
sind
eng
miteinander
verbunden.
Emotionen
entstehen
häufig
dort,
wo
etwas
für
die
eigenen
Ziele
oder
Bedürfnisse
bedeutsam
wird.
Motivation
richtet
Verhalten
auf
Ziele
aus;
Emotionen
signalisieren,
ob
diese
Ziele
bedroht,
blockiert,
erreicht
oder
verloren
erscheinen (2, 9).
Angst
motiviert
Vermeidung
oder
Schutz.
Ärger
motiviert
Widerstand
oder
Angriff.
Trauer
kann
Rückzug
und
Schonung
fördern.
Freude
motiviert
Annäherung
und
Wiederholung.
Scham
kann
Rückzug
oder
Anpassung
auslösen.
Schuld
kann
Wiedergutmachung
fördern.
Diese
Handlungstendenzen
sind
nicht
immer
bewusst
gewählt.
Sie
sind
Teil
des
emotionalen
Reaktionssystems (1, 2).
Auch
hier
zeigt
sich:
Emotionen
sind
für
Verhalten
bedeutsam,
aber
nicht
als
eigenständige
innere
Macht.
Sie
beeinflussen
Verhalten,
und
Verhalten
beeinflusst
wiederum
Emotionen.
Wer
vermeidet,
erlebt
kurzfristig
weniger
Angst,
langfristig
aber
häufig
mehr
Angst.
Wer
sich
zurückzieht,
erlebt
kurzfristig
Entlastung,
langfristig
aber
oft
weniger
positive
Verstärkung.
Verhalten bleibt daher der entscheidende therapeutische Ansatzpunkt.
6. Körperreaktionen und Gefühlswahrnehmung
Emotionen
gehen
häufig
mit
körperlichen
Veränderungen
einher:
Herzklopfen,
Muskelspannung,
Schwitzen,
Zittern,
Druckgefühl,
Wärme,
Kälte,
Enge,
Übelkeit,
Unruhe
oder
Erschöpfung.
Diese
Reaktionen
sind
real.
Sie
bedeuten
aber
nicht
automatisch,
dass
die
zugrunde liegende Bewertung richtig ist (1, 6, 10).
Körperliche
Erregung
muss
interpretiert
werden.
Herzklopfen
kann
als
Angst,
Anstrengung,
Vorfreude,
Ärger
oder
körperliche
Belastung
gedeutet
werden.
Ein
körperliches
Signal
ist
daher
kein
direkter
Wahrheitsbeweis.
Es
ist
ein
Teil
des
Gesamtprozesses
und
wird
erst
durch
Kontext, Aufmerksamkeit, Bewertung und Lernerfahrung psychologisch bedeutsam (6, 10).
Gerade
bei
Angststörungen
ist
dies
wichtig.
Körperliche
Aktivierung
wird
oft
als
Gefahr
interpretiert.
Dadurch
steigt
Angst
weiter
an,
was
wiederum
die
Körperreaktion
verstärkt.
Verhaltenstherapeutisch
geht
es
dann
nicht
darum,
das
Gefühl
nur
zu
besprechen,
sondern
die
Fehlinterpretation
körperlicher
Signale
zu
prüfen,
Vermeidung
abzubauen
und
neue
Erfahrungen zu ermöglichen.
7. Gesichtsausdruck, Körpersprache und die Grenzen des
„Gefühlelesens“
Emotionen
können
sich
im
Gesicht,
in
der
Stimme,
in
der
Körperhaltung
und
im
Verhalten
ausdrücken.
Paul
Ekman
zeigte,
dass
bestimmte
emotionale
Gesichtsausdrücke
kulturübergreifend
erkannt
werden
können.
Besonders
Angst,
Ärger,
Freude,
Trauer,
Ekel,
Überraschung und Verachtung wurden intensiv untersucht (11).
Daraus
darf
jedoch
nicht
der
falsche
Schluss
gezogen
werden,
man
könne
Gefühle
anderer
Menschen
sicher
„lesen“.
Mimik
ist
mehrdeutig,
kulturell
beeinflusst,
kontrollierbar,
situationsabhängig
und
oft
unvollständig.
Menschen
können
Gefühle
verbergen,
übertreiben,
maskieren
oder
sozial
erwünscht
darstellen.
Außerdem
ist
die
Deutung
eines
Gesichtsausdrucks ohne Kontext unsicher (11, 12).
Für
Psychotherapie
bedeutet
das:
Empathische
Wahrnehmung
ist
hilfreich,
aber
sie
ersetzt
keine
sorgfältige
Exploration.
Ein
Therapeut
sollte
nicht
meinen,
er
wisse
aufgrund
eines
Gesichtsausdrucks
sicher,
was
ein
Patient
fühlt.
Wissenschaftlich
verantwortlicher
ist
es,
Hypothesen
zu
bilden
und
zu
prüfen:
„Ich
habe
den
Eindruck,
dass
diese
Stelle
Sie
angespannt
macht. Stimmt das?“
8. Empathie: wichtig, aber nicht mystisch
Empathie
wird
oft
überhöht.
Sie
gilt
vielen
als
besondere
menschliche
Fähigkeit,
manchmal
fast
als
therapeutische
Hauptkompetenz.
Tatsächlich
ist
Empathie
ein
komplexes
und
mehrdimensionales
Konstrukt.
Man
kann
zwischen
kognitiver
Empathie,
emotionaler
Empathie
und empathischem Verhalten unterscheiden (12, 13).
Kognitive
Empathie
bedeutet,
die
Perspektive
einer
anderen
Person
nachvollziehen
zu
können.
Emotionale
Empathie
bedeutet,
auf
den
emotionalen
Zustand
einer
anderen
Person
mitzuschwingen.
Empathisches
Verhalten
bedeutet,
angemessen
auf
die
andere
Person
zu
reagieren.
Diese
drei
Ebenen
müssen
nicht
deckungsgleich
sein.
Jemand
kann
gut
erkennen,
was
ein
anderer
fühlt,
ohne
mitfühlend
zu
handeln.
Umgekehrt
kann
jemand
helfen
wollen,
ohne die Situation präzise zu verstehen (12, 13).
Auch
Empathie
ist
also
keine
magische
Fähigkeit.
Sie
ist
begrenzt,
fehleranfällig
und
abhängig
von
Aufmerksamkeit,
Erfahrung,
Kontext,
Motivation
und
Beziehung.
Für
Psychotherapie
ist
Empathie
wichtig,
aber
nicht
ausreichend.
Ein
Therapeut
braucht
nicht
nur
Einfühlung,
sondern
diagnostische
Genauigkeit,
methodische
Klarheit,
Selbstkontrolle
und
die
Fähigkeit,
aus
dem
Verstehen konkrete therapeutische Schritte abzuleiten.
9. Emotionale Intelligenz und emotionale Kompetenz
Der
Begriff
„emotionale
Intelligenz“
ist
populär
geworden.
Gemeint
ist
meist
die
Fähigkeit,
eigene
und
fremde
Emotionen
wahrzunehmen,
zu
verstehen,
zu
regulieren
und
in
sozialen
Situationen angemessen zu nutzen. Das ist grundsätzlich ein sinnvoller Gedanke (14, 15).
Gleichzeitig
sollte
der
Begriff
kritisch
verwendet
werden.
Nicht
alles,
was
unter
„emotionaler
Intelligenz“
vermarktet
wird,
ist
wissenschaftlich
eindeutig.
Manche
Konzepte
vermischen
Persönlichkeit,
soziale
Kompetenz,
Selbstkontrolle,
Empathie,
Motivation
und
Lebensklugheit.
Dadurch kann ein attraktiver, aber unscharfer Sammelbegriff entstehen (12, 14).
Für
eine
wissenschaftliche
Psychologie
ist
daher
der
Begriff
der
emotionalen
Kompetenz
oft
präziser.
Gemeint
sind
konkrete
Fähigkeiten:
Emotionen
erkennen,
benennen,
einordnen,
regulieren,
aushalten,
sozial
angemessen
ausdrücken
und
in
Handlungen
übersetzen.
Diese
Fähigkeiten
können
therapeutisch
relevant
sein,
aber
sie
sind
kein
Ersatz
für
Verhaltensanalyse, Exposition, Aktivitätsaufbau, Problemlösen oder Rückfallprophylaxe.
10. Emotionsregulation
Emotionsregulation
bezeichnet
alle
Prozesse,
durch
die
Menschen
beeinflussen,
welche
Emotionen
sie
haben,
wann
sie
diese
Emotionen
haben,
wie
stark
sie
sie
erleben
und
wie
sie
sie
ausdrücken.
Emotionen
regulieren
Verhalten,
können
aber
auch
selbst
reguliert
werden
(3,
16).
Regulation
kann
an
verschiedenen
Stellen
ansetzen.
Man
kann
Situationen
auswählen
oder
vermeiden,
Situationen
verändern,
Aufmerksamkeit
lenken,
Bedeutungen
neu
bewerten
oder
die
emotionale
Reaktion
selbst
modulieren.
So
kann
eine
Person
einen
belastenden
Ort
meiden,
ein
Gespräch
vorbereiten,
die
Aufmerksamkeit
auf
eine
Aufgabe
richten,
eine
Situation
anders
interpretieren
oder
ihre
körperliche
Aktivierung
durch
Atmung
und
Verhalten
beeinflussen (3, 16).
Nicht
jede
Emotionsregulation
ist
hilfreich.
Vermeidung,
Unterdrückung,
Grübeln,
Rückzug,
Substanzkonsum
oder
aggressives
Ausagieren
können
kurzfristig
entlasten,
langfristig
aber
Probleme
stabilisieren.
Verhaltenstherapeutisch
ist
daher
entscheidend,
welche
Regulationsstrategie
welche
Konsequenzen
hat.
Nicht
das
Gefühl
allein
ist
das
Problem,
sondern das Muster, das sich um das Gefühl herum bildet.
11. Emotionen in der Entwicklung
Emotionsregulation
ist
keine
angeborene
fertige
Fähigkeit.
Kinder
lernen
im
Laufe
der
Entwicklung,
Gefühle
zu
erkennen,
zu
benennen,
auszuhalten,
auszudrücken
und
zu
regulieren.
Anfangs
geschieht
Regulation
stark
interpersonell:
Bezugspersonen
beruhigen,
spiegeln,
begrenzen,
erklären
und
strukturieren.
Später
werden
diese
Funktionen
zunehmend
internalisiert (6, 17).
Holodynski
beschreibt
Gefühle
nicht
einfach
als
Ursprung
emotionalen
Verhaltens,
sondern
als
Signale,
die
Verhalten
regulieren
und
modifizieren
können.
Emotionen
entwickeln
sich
damit
im
Zusammenspiel
von
Körper,
Ausdruck,
Bezugsperson,
Handlung
und
sozialer
Bedeutung
(6,
17).
Für
Psychotherapie
ist
dieser
Entwicklungsaspekt
wichtig.
Manche
Patienten
haben
nie
ausreichend
gelernt,
emotionale
Zustände
zu
unterscheiden
oder
sinnvoll
zu
regulieren.
Andere
haben
gelernt,
Gefühle
zu
vermeiden,
zu
unterdrücken,
zu
dramatisieren
oder
über
Verhalten
indirekt
auszudrücken.
Therapie
kann
helfen,
solche
Muster
zu
verändern.
Aber
auch
hier geschieht Veränderung über Lernen und Verhalten, nicht über Gefühl allein.
12. Emotionen, Kontrolle und erlernte Hilflosigkeit
Emotionale
Zustände
hängen
eng
mit
Kontrolle
und
Verhalten
zusammen.
Das
Konzept
der
erlernten
Hilflosigkeit
zeigt,
dass
wiederholte
Erfahrung
von
Unkontrollierbarkeit
zu
motivationalen,
kognitiven,
emotionalen
und
behavioralen
Defiziten
führen
kann.
Wer
erlebt,
dass
eigenes
Verhalten
keinen
Unterschied
macht,
wird
passiver,
lernt
schlechter,
entwickelt
eher depressive Stimmung und zieht sich zurück (18).
Dieser
Ansatz
ist
für
eine
verhaltenstherapeutische
Sicht
besonders
wichtig.
Depression
ist
nicht
nur
ein
Gefühl
von
Traurigkeit.
Sie
zeigt
sich
auch
in
Rückzug,
verminderter
Aktivität,
Verlust
positiver
Verstärkung,
reduzierter
Selbstwirksamkeit,
Vermeidung,
Passivität
und
sinkender Erwartung, durch eigenes Handeln etwas verändern zu können (18, 19).
Therapeutisch
folgt
daraus:
Entscheidend
ist
nicht,
nur
über
Hoffnungslosigkeit
zu
sprechen.
Entscheidend
ist,
wieder
kontrollierbare
Handlungsschritte
aufzubauen.
Aktivitätsaufbau,
Problemlösen,
Exposition,
soziale
Aktivierung,
Tagesstruktur
und
Verstärkung
können
emotionale Veränderungen ermöglichen, weil sie die Verhaltensbedingungen verändern.
13. Der Mythos vom „Gefühligen“ in der Psychotherapie
Psychotherapie
wird
öffentlich
häufig
mit
Gefühlen
verbunden.
Das
ist
nachvollziehbar,
aber
unvollständig.
Natürlich
spielen
Gefühle
in
der
Psychotherapie
eine
Rolle.
Patienten
leiden
unter
Angst,
Trauer,
Ärger,
Scham,
Schuld,
innerer
Leere
oder
Anspannung.
Aber
Psychotherapie
besteht
nicht
darin,
möglichst
viel
Gefühl
zu
erzeugen
oder
Gefühle
zum
eigentlichen Wahrheitskern zu erklären.
Besonders
aus
verhaltenstherapeutischer
Sicht
ist
entscheidend,
was
ein
Mensch
tut,
vermeidet,
erwartet,
verstärkt,
unterlässt
oder
wiederholt.
Gefühle
sind
dabei
wichtig,
aber
sie
sind
Teil
eines
Funktionszusammenhangs.
Sie
können
Auslöser,
Begleiterscheinung,
Konsequenz,
Verstärker
oder
Hemmnis
von
Verhalten
sein.
Der
therapeutische
Schwerpunkt
liegt jedoch auf Analyse und Veränderung dieser Zusammenhänge.
Ein
Patient
mit
Angst
muss
nicht
nur
seine
Angst
fühlen.
Er
muss
lernen,
anders
mit
der
angstauslösenden
Situation
umzugehen.
Ein
depressiver
Patient
muss
nicht
nur
seine
Traurigkeit
beschreiben.
Er
muss
wieder
in
Aktivität,
Kontakt,
Struktur
und
Verstärkung
kommen.
Ein
zwanghafter
Patient
muss
nicht
nur
seine
Anspannung
verstehen.
Er
muss
lernen, Zwangsverhalten zu unterlassen und Unsicherheit auszuhalten.
14. Verhalten im Zentrum
Meine
therapeutische
Haltung
ist
stark
verhaltensanalytisch
geprägt.
Verhalten
ist
der
zentrale
Ansatzpunkt,
weil
es
beobachtbar,
beschreibbar,
beeinflussbar
und
in
seinen
Konsequenzen
überprüfbar
ist.
Verhalten
meint
dabei
nicht
nur
äußere
Handlungen,
sondern
auch
Vermeidung,
Rückzug,
Sicherheitsverhalten,
Kommunikation,
Rituale,
Aktivität,
Passivität,
Problemlösen, Aufsuchen oder Meiden bestimmter Situationen.
Emotionen
und
Gedanken
werden
dabei
nicht
ignoriert.
Sie
haben
selbstverständlich
ihren
Platz.
Aber
sie
werden
nicht
als
geheimnisvolle
Ursachen
behandelt,
sondern
als
Bestandteile
eines
funktionalen
Zusammenhangs.
Entscheidend
ist:
Was
macht
die
Emotion
mit
dem
Verhalten?
Was
macht
das
Verhalten
mit
der
Emotion?
Welche
Konsequenzen
stabilisieren
das
Muster?
Diese
Perspektive
unterscheidet
sich
von
psychotherapeutischen
Ansätzen,
die
das
emotionale
Erleben
in
den
Mittelpunkt
stellen.
Aus
meiner
Sicht
ist
das
Gefühl
nicht
der
tiefste
Kern
des
Problems.
Häufig
ist
es
ein
Signal,
ein
Begleitphänomen
oder
eine
Folge
gelernter
Muster.
Therapeutisch
wirksam
wird
die
Arbeit
vor
allem
dann,
wenn
sich
Verhalten,
Konsequenzen,
Vermeidung und Lernbedingungen verändern.
15. Emotionen sind nicht automatisch authentischer als Denken
Ein
weiterer
Mythos
lautet,
Gefühle
seien
ehrlicher
oder
authentischer
als
Gedanken.
Auch
das
ist
zu
einfach.
Gefühle
können
ebenso
fehlgeleitet,
übergeneralisiert,
konditioniert
oder
situationsunangemessen
sein
wie
Gedanken.
Ein
Gefühl
kann
stark
sein
und
trotzdem
auf
einer falschen Bewertung beruhen.
Wer
sich
schuldig
fühlt,
ist
nicht
automatisch
schuldig.
Wer
Angst
hat,
ist
nicht
automatisch
in
Gefahr.
Wer
sich
abgelehnt
fühlt,
wurde
nicht
automatisch
abgelehnt.
Wer
wütend
ist,
hat
nicht automatisch recht. Emotionale Intensität ist kein Wahrheitskriterium.
Psychotherapie
sollte
daher
Gefühle
ernst
nehmen,
aber
nicht
vergötzen.
Ein
Gefühl
ist
ein
psychologisches
Ereignis,
das
analysiert
werden
kann.
Es
verdient
Beachtung,
aber
keine
automatische
Autorität.
Entscheidend
ist
die
Prüfung:
Wie
ist
dieses
Gefühl
entstanden?
Welche
Bewertung
liegt
zugrunde?
Welches
Verhalten
folgt
daraus?
Welche
Konsequenzen
entstehen? Und welche alternative Reaktion wäre hilfreicher?
16. Emotionen in der Verhaltenstherapie
In
der
Verhaltenstherapie
werden
Emotionen
auf
konkrete
Weise
bearbeitet.
Bei
Angststörungen
geschieht
dies
etwa
durch
Exposition,
Abbau
von
Sicherheitsverhalten
und
neue
Lernerfahrungen.
Bei
Depression
durch
Aktivitätsaufbau,
Tagesstruktur,
Verstärkeraufbau
und
Veränderung
ungünstiger
Rückzugsmuster.
Bei
Ärgerproblemen
durch
Reizkontrolle,
Perspektivwechsel,
Problemlösen
und
alternatives
Verhalten.
Bei
Scham
durch
soziale
Erprobung, kognitive Prüfung und veränderte Selbstbewertung (3, 16, 18).
Emotionale
Veränderung
ist
dabei
häufig
Folge
von
Verhaltensänderung.
Wer
nicht
mehr
vermeidet,
lernt,
dass
Angst
abklingen
kann.
Wer
wieder
aktiv
wird,
erlebt
eher
positive
Verstärkung.
Wer
anders
kommuniziert,
verändert
soziale
Konsequenzen.
Wer
Zwangsrituale
unterlässt, lernt, dass Anspannung auch ohne Ritual sinken kann.
Damit
steht
nicht
das
Gefühl
allein
im
Mittelpunkt,
sondern
der
Lernprozess.
Therapie
arbeitet
an
Bedingungen,
unter
denen
neue
Erfahrungen
entstehen
können.
Gefühle
verändern
sich
dann
nicht
durch
bloßes
Reden
über
Gefühle,
sondern
durch
verändertes
Verhalten
in
bedeutsamen Situationen.
17. Was ein Psychotherapeut wirklich braucht
Ein
Psychotherapeut
braucht
nicht
vor
allem
„viel
Gefühl“.
Er
braucht
die
Fähigkeit,
genau
zuzuhören,
präzise
zu
beobachten,
Hypothesen
zu
bilden,
Diagnostik
einzusetzen,
Verhaltensmuster
zu
analysieren,
Interventionen
zu
planen,
Grenzen
zu
erkennen
und
Veränderungen zu überprüfen.
Empathie
ist
dabei
wichtig,
aber
nicht
ausreichend.
Zu
viel
ungeprüfte
Einfühlung
kann
sogar
problematisch
sein,
wenn
der
Therapeut
vorschnell
meint,
verstanden
zu
haben.
Fachlich
hilfreicher
ist
eine
kontrollierte,
überprüfende
Empathie:
wahrnehmen,
vermuten,
nachfragen,
einordnen, prüfen und daraus therapeutisch sinnvolle Schritte ableiten.
Psychotherapie
braucht
daher
nicht
Gefühligkeit,
sondern
Genauigkeit.
Sie
braucht
Menschlichkeit,
aber
auch
Struktur.
Sie
braucht
Verständnis,
aber
auch
Methodik.
Sie
braucht
Beziehung,
aber
auch
Veränderungsarbeit.
Gerade
diese
Verbindung
macht
professionelle
Psychotherapie aus.
18. Zusammenfassung
Emotionen
sind
wichtige
psychologische
Prozesse.
Sie
bewerten
Situationen,
beeinflussen
Aufmerksamkeit,
Körper,
Ausdruck
und
Verhalten
und
können
soziale
Kommunikation
unterstützen. Sie sind evolutionsgeschichtlich bedeutsam und in vielen Situationen hilfreich.
Gleichzeitig
sind
Emotionen
nicht
automatisch
wahr,
nicht
immer
hilfreich
und
nicht
der
Mittelpunkt
psychologischer
Wissenschaft.
Das
subjektive
Gefühl
ist
nur
ein
Teil
des
emotionalen
Prozesses.
Entscheidend
sind
die
Bedingungen,
unter
denen
Emotionen
entstehen,
das
Verhalten,
das
ihnen
folgt,
und
die
Konsequenzen,
die
das
gesamte
Muster
stabilisieren.
Für
eine
verhaltenstherapeutisch
geprägte
Psychotherapie
bedeutet
das:
Emotionen
werden
ernst
genommen,
aber
nicht
mystifiziert.
Sie
werden
analysiert,
eingeordnet
und
in
ihrer
Funktion
für
Verhalten
verstanden.
Veränderung
entsteht
vor
allem
dort,
wo
Patienten
lernen,
anders
zu
handeln,
anders
zu
vermeiden,
anders
zu
üben,
anders
mit
Situationen
umzugehen
und neue Konsequenzen zu erfahren.
Psychotherapie
ist
daher
nicht
die
Kunst,
möglichst
tief
in
Gefühle
einzutauchen.
Sie
ist
die
wissenschaftlich
begründete
Arbeit
an
Erleben
und
Verhalten.
Emotionen
gehören
dazu.
Aber
der
therapeutische
Schwerpunkt
liegt
auf
dem,
was
veränderbar
ist:
Verhalten,
Lernen,
Bedingungen, Konsequenzen und Selbststeuerung.
Quellen
1
.
Stemmler,
G.
(Hrsg.).
(2009).
*Psychologie
der
Emotion*.
Enzyklopädie
der
Psychologie,
Serie Motivation und Emotion, Band 3. Hogrefe.
2
.
Brandstätter,
V.,
Schüler,
J.,
Puca,
R.
M.,
&
Lozo,
L.
(2013).
*Motivation
und
Emotion.
Allgemeine Psychologie für Bachelor*. Springer.
3
.
Rothermund,
K.,
&
Eder,
A.
(2011).
*Allgemeine
Psychologie:
Motivation
und
Emotion*.
VS
Verlag für Sozialwissenschaften.
4
.
Kappelhoff,
H.,
Bakels,
J.-H.,
Lehmann,
H.,
&
Schmitt,
C.
(Hrsg.).
(2019).
*Emotionen.
Ein
interdisziplinäres Handbuch*. J. B. Metzler.
5
.
Galliker,
M.
(2009).
*Psychologie
der
Gefühle
und
Bedürfnisse.
Theorien,
Erfahrungen,
Kompetenzen*. Kohlhammer.
6
.
Holodynski, M. (2006). *Emotionen – Entwicklung und Regulation*. Springer.
7
.
Ekman,
P.
(2010/2017).
*Gefühle
lesen.
Wie
Sie
Emotionen
erkennen
und
richtig
interpretieren* (2. Aufl.). Springer.
8
.
Seligman, M. E. P. (1999). *Erlernte Hilflosigkeit*. Beltz.
9
.
Maslow,
A.
H.
(1943).
*A
Theory
of
Human
Motivation*.
Psychological
Review,
50,
370–396.
1
0
.
Fazekas,
C.
(2007).
*Spüren
und
Denken.
Psychosomatische
Intelligenz
im
Alltag*.
SpringerWienNewYork.
1
1
.
Becker, R., & Wunderlich, H.-P. (Hrsg.). (2004). *Gefühl und Gefühlsausdruck*. Thieme.
1
2
.
Fuchs,
K.
A.
(2014).
*Emotionserkennung
und
Empathie.
Eine
multimethodale
psychologische
Studie
am
Beispiel
von
Psychopathie
und
sozialer
Ängstlichkeit*.
Springer
VS.
1
3
.
Phillips, H. (2004). *Empathy may not be uniquely human quality*. New Scientist.
1
4
.
Bosley,
I..
(2018).
*Emotionale
Intelligenz.
Ein
Ratgeber
mit
Übungsaufgaben
für
Kinder,
Jugendliche und Erwachsene*. Springer.
1
5
.
Bosley, I. (2020). *Emotionale Intelligenz bei Kindern fördern*. Springer VS.
1
6
.
Stemmler,
G.
(Hrsg.).
(2009).
*Psychologie
der
Emotion.
Motivation
und
Emotion*.
Hogrefe.
1
7
.
Seidel,
W.
(2004).
*Emotionale
Kompetenz.
Gehirnforschung
und
Lebenskunst*.
Spektrum
Akademischer Verlag.
1
8
.
Seidel,
W.
(2009).
*Emotionspsychologie
im
Krankenhaus.
Ein
Leitfaden
zur
Überlebenskunst für Ärzte, Pflegende und Patienten*. Spektrum Akademischer Verlag.
1
9
.
Kiesel,
A.,
&
Koch,
I.
(2011).
*Lernen.
Grundlagen
der
Lernpsychologie*.
VS
Verlag
für
Sozialwissenschaften.