Persönlichkeitspsychologie und Differentielle Psychologie:
Warum Menschen unterschiedlich sind
1. Was ist Persönlichkeitspsychologie?
Die
Persönlichkeitspsychologie
beschäftigt
sich
mit
der
Frage,
wodurch
Personen
in
ihrem
Erleben
und
Verhalten
gekennzeichnet
sind.
Sie
untersucht
relativ
stabile
Muster:
Wie
jemand
typischerweise
wahrnimmt,
denkt,
fühlt,
handelt,
reagiert,
Beziehungen
gestaltet,
Ziele
verfolgt
oder
mit
Belastungen
umgeht.
Dabei
geht
es
nicht
um
einzelne
momentane
Zustände,
sondern
um
wiederkehrende
Tendenzen,
die eine Person über verschiedene Situationen und Zeiträume hinweg kennzeichnen (1, 2, 3).
Eng
damit
verbunden
ist
die
Differentielle
Psychologie.
Während
die
Allgemeine
Psychologie
nach
Gesetzmäßigkeiten
fragt,
die
möglichst
für
viele
Personen
gelten,
fragt
die
Differentielle
Psychologie
nach
Unterschieden
zwischen
Personen
oder
Gruppen.
Sie
untersucht
also,
warum
Personen
unterschiedlich
ängstlich,
impulsiv,
gewissenhaft,
gesellig,
belastbar,
kreativ,
leistungsorientiert
oder
offen für neue Erfahrungen sind (2, 3).
Im
deutschsprachigen
Raum
werden
Persönlichkeitspsychologie
und
Differentielle
Psychologie
häufig
gemeinsam
betrachtet.
Das
ist
sinnvoll,
weil
Persönlichkeit
gerade
dort
sichtbar
wird,
wo
sich
Personen
in
stabilen
Mustern
unterscheiden.
Persönlichkeitspsychologie
beschreibt
die
Organisation
der
Person;
Differentielle
Psychologie
beschreibt
und
erklärt
Unterschiede
zwischen
Personen.
Beide
Perspektiven gehören eng zusammen (2, 3, 4).
2. Persönlichkeit: mehr als Alltagseindruck
Im
Alltag
verwenden
Menschen
Persönlichkeitsbegriffe
sehr
selbstverständlich.
Man
sagt,
jemand
sei
ruhig,
dominant,
empfindlich,
zuverlässig,
chaotisch,
ehrgeizig,
unsicher
oder
kontaktfreudig.
Solche
Begriffe
können
hilfreich
sein,
sind
aber
oft
ungenau.
Sie
beruhen
auf
Eindrücken,
Erinnerungen,
Vorurteilen,
Einzelsituationen
oder
sozialen
Bewertungen.
Wissenschaftliche
Persönlichkeitspsychologie muss deshalb präziser arbeiten (1, 2).
Eine
zentrale
Aufgabe
besteht
darin,
Eigenschaften
so
zu
beschreiben,
dass
sie
messbar,
vergleichbar
und
überprüfbar
werden.
Es
genügt
nicht,
jemanden
als
„ängstlich“
oder
„gewissenhaft“
zu
bezeichnen.
Man
muss
klären,
woran
sich
diese
Eigenschaft
zeigt,
wie
stabil sie ist, in welchen Situationen sie auftritt, wie sie gemessen wird und wie gut sie tatsächliches Verhalten vorhersagt (1, 2, 3).
Dabei
ist
Persönlichkeit
kein
starres
Etikett.
Eine
Eigenschaft
beschreibt
keine
absolute
Festlegung,
sondern
eine
erhöhte
Wahrscheinlichkeit
für
bestimmte
Erlebens-
und
Verhaltensweisen.
Eine
extravertierte
Person
ist
nicht
in
jeder
Minute
gesellig,
eine
gewissenhafte
Person
macht
nicht
nie
Fehler,
und
eine
ängstliche
Person
erlebt
nicht
ständig
Angst.
Persönlichkeitsmerkmale
beschreiben typische Tendenzen, keine mechanischen Zwänge (1, 2).
3. Eigenschaften, Zustände, Dispositionen und Temperament
Die
Persönlichkeitspsychologie
unterscheidet
zwischen
Zuständen
und
Eigenschaften.
Ein
Zustand
ist
vorübergehend:
Angst,
Ärger,
Müdigkeit
oder
Freude
in
einer
bestimmten
Situation.
Eine
Eigenschaft
ist
dagegen
eine
relativ
stabile
Tendenz,
bestimmte
Zustände
häufiger,
intensiver
oder
schneller
zu
erleben.
Ängstlichkeit
ist
also
nicht
dasselbe
wie
Angst.
Ängstlichkeit
beschreibt
die
Neigung,
in
bestimmten Situationen mit Angst zu reagieren (2).
Dispositionen
sind
Merkmale,
die
über
Zeit
und
Situationen
hinweg
relativ
stabil
sind
und
zwischen
Personen
variieren.
Sie
zeigen
sich
nicht
immer,
sondern
werden
unter
passenden
Bedingungen
wahrscheinlicher
sichtbar.
Wer
eine
hohe
Impulsivität
aufweist,
wird
nicht
in jeder Situation impulsiv handeln, hat aber eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, spontane Handlungsimpulse schwerer zu hemmen (2).
Temperament
bezeichnet
sehr
früh
erkennbare
Unterschiede
im
Verhaltensstil.
Dazu
gehören
zum
Beispiel
Aktivitätsniveau,
emotionale
Reaktivität,
Annäherung
oder
Rückzug,
Anpassungsfähigkeit
und
Selbstregulation.
Temperament
ist
deshalb
wichtig,
weil
es
biologische
und
entwicklungspsychologische
Grundlagen
der
Persönlichkeit
berührt.
Gleichzeitig
darf
auch
hier
nicht
vorschnell
biologisiert werden: Temperament entwickelt sich im Zusammenspiel von Anlage, Umwelt, Lernen und Erfahrung (1, 2).
4. Die Geschichte der Persönlichkeitspsychologie
Frühe
Persönlichkeitslehren
waren
oft
typologisch
oder
spekulativ.
Die
antike
Temperamentenlehre
unterschied
etwa
Sanguiniker,
Choleriker,
Melancholiker
und
Phlegmatiker.
Später
entstanden
Charakterlehren,
physiognomische
Ansätze,
konstitutionstypologische
Modelle
und
psychodynamische
Theorien.
Viele
dieser
Ansätze
sind
historisch
interessant,
aber
aus
heutiger
Sicht
methodisch
problematisch, weil sie häufig auf Deutung, Eindruck oder kaum überprüfbaren Annahmen beruhen (4).
Die
moderne
Differentielle
Psychologie
wurde
wesentlich
durch
William
Stern
geprägt,
der
individuelle
Unterschiede
systematisch
untersuchte.
Hier
beginnt
ein
entscheidender
Übergang:
Nicht
mehr
bloß
Charakterdeutung,
sondern
methodische
Erfassung
von
Unterschieden
zwischen
Personen.
Damit
rückten
Messung,
Vergleich,
Variation,
Korrelation
und
Diagnostik
stärker
in
den
Mittelpunkt
(3, 4).
Für
eine
wissenschaftliche
Persönlichkeitspsychologie
ist
dieser
Übergang
entscheidend.
Persönlichkeitspsychologie
darf
nicht
darin
bestehen,
Menschen
mit
schönen
Begriffen
zu
beschreiben
oder
in
eindrucksvolle
Typen
einzuteilen.
Sie
muss
erklären,
wie
Persönlichkeit
gemessen
wird,
wie
zuverlässig
diese
Messung
ist,
welche
Vorhersagen
möglich
sind
und
wo
die
Grenzen
der
Aussagekraft liegen (1, 2, 3).
5. Persönlichkeitstheorien: hilfreich, aber kritisch zu prüfen
Die
Persönlichkeitspsychologie
ist
von
vielen
Theorien
geprägt:
psychoanalytische,
behavioristische,
humanistische,
eigenschaftstheoretische,
sozial-kognitive,
biologische
und
evolutionäre
Ansätze.
Jede
dieser
Perspektiven
betont
andere
Aspekte:
Triebe
und
Konflikte,
Lernen,
Selbstkonzept,
Eigenschaften,
Erwartungen,
Verstärkung,
neuronale
Grundlagen
oder
Anpassungsfunktionen (3, 4, 6).
Diese
Vielfalt
ist
einerseits
fruchtbar,
andererseits
ein
Grund
zur
Vorsicht.
Nicht
jede
Persönlichkeitstheorie
ist
wissenschaftlich
gleich
tragfähig.
Manche
Theorien
sind
historisch
bedeutsam,
aber
empirisch
schwer
prüfbar.
Andere
liefern
messbare
Konstrukte,
klare
Hypothesen
und
überprüfbare
Vorhersagen.
Gerade
hier
muss
Persönlichkeitspsychologie
sauber
unterscheiden:
Eine
Theorie
kann
kulturell einflussreich, therapeutisch beliebt oder sprachlich überzeugend sein und dennoch empirisch schwach bleiben (4, 6).
Besonders
problematisch
sind
Ansätze,
die
nahezu
jedes
Verhalten
nachträglich
erklären
können.
Wenn
eine
Theorie
kein
klares
Kriterium
dafür
bietet,
wann
sie
falsch
wäre,
verliert
sie
wissenschaftliche
Schärfe.
Aus
empirischer
Sicht
sind
daher
Modelle
vorzuziehen,
die
Eigenschaften
definieren,
Messinstrumente
bereitstellen,
Vorhersagen
ermöglichen
und
sich
an
Daten
korrigieren
lassen (1, 2, 3).
6. Das Eigenschaftsparadigma und die Big Five
Das
heute
wichtigste
Modell
der
Persönlichkeitsbeschreibung
ist
das
Fünf-Faktoren-Modell
beziehungsweise
die
Big
Five.
Es
beschreibt
Persönlichkeit
anhand
von
fünf
breiten
Dimensionen:
Offenheit
für
Erfahrungen,
Gewissenhaftigkeit,
Extraversion,
Verträglichkeit und Neurotizismus beziehungsweise emotionale Labilität (1, 3).
Die
Big
Five
entstanden
wesentlich
aus
dem
lexikalischen
Ansatz.
Dieser
geht
davon
aus,
dass
wichtige
Unterschiede
zwischen
Personen
sich
in
der
Alltagssprache
niederschlagen.
Wenn
bestimmte
Merkmale
für
das
soziale
Zusammenleben
bedeutsam
sind,
entwickeln
Sprachen
Begriffe
dafür.
Durch
Sammlung,
Reduktion
und
faktoranalytische
Auswertung
solcher
Eigenschaftsbegriffe
ließen
sich wiederholt ähnliche Grunddimensionen finden (1, 3).
Die
Big
Five
sind
keine
vollständige
Theorie
der
Persönlichkeit.
Sie
erklären
nicht
allein,
warum
jemand
so
geworden
ist,
wie
er
ist.
Sie
sind
zunächst
ein
robustes
Ordnungssystem
zur
Beschreibung
von
Persönlichkeitsunterschieden.
Ihr
Vorteil
liegt
darin,
dass
sie
breit
untersucht,
psychometrisch
gut
zugänglich
und
in
vielen
Anwendungsfeldern
nützlich
sind.
Ihr
Nachteil
liegt
darin,
dass
sie
sehr
allgemeine Dimensionen darstellen und den individuellen Lebenszusammenhang einer Person nicht vollständig erfassen (1, 3, 5).
Was die Big Five bedeuten
Offenheit
für
Erfahrungen
beschreibt
Neugier,
Interesse
an
Neuem,
geistige
Beweglichkeit,
Fantasie,
ästhetische
Sensibilität
und
Bereitschaft,
gewohnte
Perspektiven
zu
verlassen.
Hohe
Offenheit
kann
mit
Kreativität
und
intellektueller
Neugier
verbunden
sein,
bedeutet aber nicht automatisch bessere Urteilsfähigkeit.
Gewissenhaftigkeit
beschreibt
Ordnung,
Pflichtbewusstsein,
Selbstdisziplin,
Zielorientierung
und
Verlässlichkeit.
Dieses
Merkmal
sagt
in vielen Studien Leistungsbereiche wie Schule, Studium, beruflichen Erfolg und planvolles Verhalten relativ gut vorher (1).
Extraversion
beschreibt
Geselligkeit,
Aktivität,
Durchsetzungsfähigkeit,
positive
Emotionalität
und
Kontaktorientierung.
Introversion
ist
dabei
nicht
pathologisch,
sondern
eine
normale
Persönlichkeitsvariante.
Introvertierte
Personen
können
sozial
kompetent
sein,
benötigen aber häufig andere Reiz- und Rückzugsbedingungen als extravertierte Personen.
Verträglichkeit
beschreibt
Kooperationsbereitschaft,
Rücksichtnahme,
Altruismus,
Nachgiebigkeit
und
interpersonelle
Wärme.
Hohe
Verträglichkeit
kann
soziale
Beziehungen
erleichtern,
aber
in
manchen
Situationen
auch
mit
Schwierigkeiten
bei
Abgrenzung
verbunden
sein.
Neurotizismus
beschreibt
emotionale
Labilität,
erhöhte
Anfälligkeit
für
Sorgen,
Anspannung,
Unsicherheit,
Ärger
oder
negative
Affekte.
Niedrige
Werte
werden
oft
als
emotionale
Stabilität
beschrieben.
Hoher
Neurotizismus
ist
kein
Krankheitsbild,
kann
aber
ein
Risikofaktor für Belastungserleben und bestimmte psychische Beschwerden sein (1, 3, 5).
7. Handlungsplanung, Exekutivfunktionen und Frontalhirn
Exekutivfunktionen
sind
Steuerungsleistungen,
die
besonders
bei
neuen,
komplexen
oder
konfliktbehafteten
Situationen
benötigt
werden.
Dazu
gehören
Planen,
Problemlösen,
Inhibition,
kognitive
Flexibilität,
Arbeitsgedächtnis,
Fehlerkontrolle,
Zielverfolgung
und
die
Fähigkeit, Verhalten an veränderte Bedingungen anzupassen (1, 2, 3).
Störungen
exekutiver
Funktionen
können
im
Alltag
tiefgreifende
Folgen
haben.
Ein
Mensch
kann
im
Gespräch
unauffällig
wirken
und
dennoch
Schwierigkeiten
haben,
Termine
zu
organisieren,
Handlungen
zu
planen,
Prioritäten
zu
setzen,
Impulse
zu
hemmen
oder
aus
Fehlern
zu
lernen.
Gerade
deshalb
werden
frontale
und
dysexekutive
Störungen
manchmal
unterschätzt.
Sie
zeigen
sich
weniger
als
klarer Ausfall wie eine Lähmung, sondern als Störung der Handlungsregulation (2, 6).
Der
Fall
Phineas
Gage
wurde
zu
einem
Symbol
dafür,
dass
Hirnschädigungen
Persönlichkeit,
soziale
Steuerung
und
Entscheidungsverhalten
verändern
können.
Heute
würde
man
daraus
nicht
mehr
eine
einfache
Lokalisationslehre
ableiten,
aber
der
Fall
verdeutlicht,
wie
bedeutsam
präfrontale
Systeme
für
Planung,
Impulskontrolle,
soziale
Anpassung
und
verantwortliches
Handeln
sind (4, 7).
8. Persönlichkeitsprofile statt Schubladen
Persönlichkeit
lässt
sich
nicht
angemessen
verstehen,
wenn
man
nur
ein
einzelnes
Merkmal
betrachtet.
Eine
hohe
Extraversion
kann
je
nach
Gewissenhaftigkeit,
Verträglichkeit
und
emotionaler
Stabilität
sehr
unterschiedlich
wirken.
Eine
sehr
gewissenhafte
Person
kann
belastbar,
strukturiert
und
zuverlässig
erscheinen;
bei
hoher
Ängstlichkeit
kann
dieselbe
Gewissenhaftigkeit
aber
auch
mit
innerem
Druck, Perfektionsanspruch und Überkontrolle verbunden sein.
Deshalb
sind
Persönlichkeitsprofile
oft
aussagekräftiger
als
Einzelwerte.
In
der
Forschung
werden
auch
Persönlichkeitstypen
auf
der
Grundlage
von
Profilen
gebildet,
etwa
resiliente,
überkontrollierte
oder
unterkontrollierte
Muster.
Solche
Typologien
können
anschaulich
sein,
müssen
aber
vorsichtig
verwendet
werden.
Clusteranalysen
und
Typenbildungen
sind
methodisch
nicht
immer
stabil
und
sollten
nicht zu vorschnellen Etiketten führen (1, 3).
Für
die
Praxis
bedeutet
das:
Persönlichkeit
ist
kein
Schubladensystem.
Ein
Testergebnis
kann
Hinweise
geben,
ersetzt
aber
nicht
die
klinische
Beurteilung,
die
Verhaltensbeobachtung
und
das
Gespräch.
Gerade
bei
Patienten
sollte
Persönlichkeit
nicht
als
Festlegung
verstanden werden, sondern als Muster von Wahrscheinlichkeiten, Gewohnheiten und Reaktionsbereitschaften.
9. Person und Situation
Eine
zentrale
Kontroverse
der
Persönlichkeitspsychologie
lautet:
Bestimmt
die
Person
das
Verhalten
oder
die
Situation?
Frühe
Eigenschaftsansätze
betonten
stabile
Merkmale.
Situationsorientierte
Ansätze
hielten
dagegen,
dass
Verhalten
oft
stärker
von
konkreten Umständen abhängt als von allgemeinen Eigenschaften (3).
Die
heutige
Sicht
ist
interaktionistisch.
Verhalten
entsteht
im
Zusammenspiel
von
Person
und
Situation.
Eigenschaften
beeinflussen,
welche
Situationen
Menschen
aufsuchen,
wie
sie
Situationen
wahrnehmen,
wie
sie
sie
bewerten
und
wie
sie
darauf
reagieren.
Umgekehrt prägen Situationen, Rollen, Beziehungen, Anforderungen und Konsequenzen das gezeigte Verhalten (2, 3).
Das
ist
für
Psychotherapie
besonders
wichtig.
Ein
Patient
ist
nicht
„so“,
als
unveränderliche
Persönlichkeit.
Er
zeigt
bestimmte
Muster
unter
bestimmten
Bedingungen.
Ein
sozial
ängstlicher
Patient
kann
im
vertrauten
Umfeld
kompetent
und
ruhig
sein,
in
Bewertungssituationen
aber
blockieren.
Eine
zwanghaft
kontrollierende
Person
kann
in
beruflichen
Kontexten
sehr
leistungsfähig
sein,
privat aber unter Anspannung und Unflexibilität leiden. Entscheidend ist also nicht nur die Person, sondern die Person-in-Situation.
10. Anlage, Umwelt und Persönlichkeitsentwicklung
Persönlichkeit
entsteht
aus
dem
Zusammenspiel
genetischer
Einflüsse,
biologischer
Voraussetzungen,
Lernerfahrungen,
Beziehungserfahrungen,
Kultur,
sozialen
Rollen
und
aktiver
Selbstgestaltung.
Zwillings-
und
Adoptionsstudien
zeigen,
dass
Persönlichkeitsmerkmale
in
unterschiedlichem
Ausmaß
erblich
beeinflusst
sind.
Zugleich
bedeutet
Erblichkeit
nicht
Unveränderbarkeit
(1, 5).
Genetische
Einflüsse
beschreiben
Varianzanteile
in
einer
Population,
keine
Schicksale
für
eine
einzelne
Person.
Wenn
ein
Merkmal
teilweise
erblich
beeinflusst
ist,
heißt
das
nicht,
dass
Umwelt,
Lernen
und
Erfahrung
bedeutungslos
wären.
Menschen
suchen
Umwelten
auf,
verändern
Umwelten
und
werden
von
Umwelten
geprägt.
Gene
und
Umwelt
wirken
nicht
einfach
nebeneinander,
sondern in Wechselwirkung (1, 2, 3).
Persönlichkeit
verändert
sich
über
die
Lebensspanne.
Viele
Eigenschaften
zeigen
eine
relative
Stabilität,
besonders
im
Erwachsenenalter.
Gleichzeitig
gibt
es
durchschnittliche
Entwicklungstendenzen:
Gewissenhaftigkeit
und
Verträglichkeit
nehmen
häufig
mit
dem
Erwachsenenalter
zu,
Neurotizismus
nimmt
im
Durchschnitt
eher
ab,
Offenheit
kann
sich
je
nach
Lebensphase
unterschiedlich
entwickeln (3, 5).
11. Charakteristische Adaptationen: Motive, Ziele, Werte und Selbstbild
Neben
breiten
Persönlichkeitseigenschaften
gibt
es
persönlich
bedeutsame
Anpassungen
an
Lebensumstände.
Dazu
gehören
Motive,
Ziele,
Interessen,
Werte,
Einstellungen,
Selbstkonzept,
Selbstwertgefühl,
Bewältigungsstile,
Bindungsmuster,
Rollen
und
persönliche
Projekte. Diese Bereiche sind stärker kontextabhängig und veränderbarer als breite Traits (3, 5).
Für
Psychotherapie
sind
gerade
diese
charakteristischen
Adaptationen
zentral.
Ein
Patient
kommt
selten
mit
der
Frage:
„Wie
hoch
ist
meine
Extraversion?“
Er
kommt
mit
konkreten
Problemen:
Angst
vor
Bewertung,
Überforderung,
Beziehungskonflikte,
Selbstzweifel,
Schuldgefühle,
Perfektionismus,
Rückzug,
Vermeidung,
Antriebslosigkeit
oder
Kontrollverhalten.
Solche
Themen
liegen
oft
auf
der
Ebene von Zielen, Bewertungen, Selbstbildern, Bewältigungsmustern und Beziehungserwartungen.
Eine
wissenschaftlich
saubere
Persönlichkeitspsychologie
kann
hier
helfen,
ohne
vorschnell
zu
pathologisieren.
Nicht
jede
hohe
Ordnungsliebe
ist
zwanghaft,
nicht
jede
Introversion
ist
soziale
Angst,
nicht
jede
emotionale
Reaktivität
ist
eine
Störung.
Entscheidend
ist, ob ein Muster leidvoll, unflexibel, dysfunktional, situationsunangemessen oder beeinträchtigend wird.
12. Persönlichkeit und psychische Störungen
Persönlichkeitsmerkmale
können
mit
psychischer
Gesundheit
zusammenhängen.
Hoher
Neurotizismus
kann
beispielsweise
mit
erhöhter
Stressanfälligkeit,
Sorgen,
negativer
Affektivität
und
Vulnerabilität
für
bestimmte
Störungsbilder
verbunden
sein.
Niedrige
Gewissenhaftigkeit
kann
in
manchen
Kontexten
mit
Impulsivität
oder
Problemen
der
Selbststeuerung
zusammenhängen.
Sehr
niedrige
Verträglichkeit kann soziale Konflikte begünstigen (1, 3, 5).
Trotzdem
darf
Persönlichkeitspsychologie
nicht
mit
Diagnostik
psychischer
Störungen
verwechselt
werden.
Die
Big
Five
beschreiben
Normalvarianten
der
Persönlichkeit.
Persönlichkeitsstörungen
sind
klinische
Kategorien,
bei
denen
stabile
Muster
des
Erlebens
und
Verhaltens
zu
deutlichem
Leiden,
Beziehungsproblemen
oder
Funktionsbeeinträchtigungen
führen.
Zwischen
normalen
Persönlichkeitsvarianten und klinisch relevanten Störungen gibt es Übergänge, aber keine einfache Gleichsetzung (1, 2).
Für
die
Verhaltenstherapie
ist
eine
differentielle
Betrachtung
hilfreich.
Sie
erlaubt,
Therapie
nicht
nach
Schema
F
durchzuführen,
sondern
an
die
Person
anzupassen:
Braucht
jemand
mehr
Struktur
oder
mehr
Flexibilität?
Mehr
Aktivierung
oder
mehr
Reizreduktion?
Mehr
Exposition
oder
zunächst
mehr
Selbststeuerung?
Mehr
kognitive
Klärung
oder
mehr
Verhaltenserprobung?
Persönlichkeit
liefert
hier keine endgültige Antwort, aber wichtige Hinweise.
13. Persönlichkeitsdiagnostik: Messen statt Deuten
Persönlichkeitsdiagnostik
muss
methodisch
sauber
sein.
Gute
Testverfahren
benötigen
Reliabilität,
Validität,
Normierung,
transparente
Skalen,
klare
Auswertungsregeln
und
eine
verantwortliche
Interpretation.
Ein
Persönlichkeitsfragebogen
ist
kein
Orakel,
sondern
ein
psychometrisches Instrument (1, 2, 3).
In
der
Persönlichkeitspsychologie
werden
unterschiedliche
Datenquellen
unterschieden:
Selbstberichte,
Fremdberichte,
objektivere
Testdaten
und
biographische
oder
lebensgeschichtliche
Daten.
Jede
Quelle
hat
Vorteile
und
Grenzen.
Selbstberichte
geben
Zugang
zur
Innenperspektive,
sind
aber
anfällig
für
Selbstdarstellung,
begrenzte
Selbstkenntnis
und
Antworttendenzen.
Fremdberichte
können
Verhalten
aus
Außenperspektive
erfassen,
sind
aber
ebenfalls
von
Erwartungen
und
Beziehungen
beeinflusst.
Testdaten
können
standardisierte Verhaltensproben liefern, erfassen aber meist nur Ausschnitte (2, 3).
Besonders
kritisch
sind
intuitive
Diagnosen
aus
Auftreten,
Kleidung,
Handschrift,
Körpersprache
oder
allgemeinem
Eindruck.
Solche
Eindrücke
können
im
Alltag
Hinweise
liefern,
sind
aber
wissenschaftlich
unsicher,
wenn
sie
nicht
systematisch
überprüft
werden.
Zwischen persönlichem Eindruck und belastbarer Diagnostik muss klar unterschieden werden (7).
14. Persönlichkeit im Alltag
Persönlichkeit
zeigt
sich
im
Alltag
nicht
als
abstrakter
Testwert,
sondern
in
wiederkehrenden
Mustern.
Manche
Personen
suchen
Stimulation
und
Kontakt,
andere
benötigen
Rückzug.
Manche
planen
langfristig,
andere
reagieren
spontaner.
Manche
erleben
emotionale
Schwankungen
intensiver,
andere
bleiben
unter
Belastung
ruhiger.
Manche
streben
nach
Leistung,
andere
nach
Harmonie,
Autonomie, Sicherheit oder Sinn (5).
Diese
Unterschiede
sind
nicht
einfach
gut
oder
schlecht.
Eine
Eigenschaft
ist
fast
nie
in
jedem
Kontext
vorteilhaft.
Hohe
Gewissenhaftigkeit
kann
beruflich
hilfreich
sein,
aber
auch
in
Perfektionismus
und
Überlastung
münden.
Hohe
Verträglichkeit
kann
Beziehungen
erleichtern,
aber
Abgrenzung
erschweren.
Hohe
Offenheit
kann
Kreativität
begünstigen,
aber
auch
Unruhe
fördern.
Hohe
Extraversion kann Kontakte erleichtern, aber nicht jede Situation verlangt Dominanz oder Aktivität (1, 3, 5).
Eine
reife
Persönlichkeitsbetrachtung
vermeidet
daher
moralische
Etiketten.
Sie
fragt
nicht:
„Ist
diese
Persönlichkeit
gut
oder
schlecht?“,
sondern:
„In
welchen
Situationen
ist
dieses
Muster
hilfreich?
Wo
wird
es
hinderlich?
Wie
flexibel
kann
die
Person
reagieren?
Welche Kosten entstehen? Welche Entwicklungsschritte sind möglich?“
15. Persönlichkeitspsychologie und Verhaltenstherapie
Für
die
Verhaltenstherapie
ist
Persönlichkeitspsychologie
besonders
nützlich,
weil
sie
stabile
Muster
sichtbar
macht,
ohne
sie
als
unveränderliches
Schicksal
zu
behandeln.
Therapie
arbeitet
oft
genau
an
der
Schnittstelle
zwischen
stabiler
Disposition
und
veränderbarem
Verhalten:
Eine
Person
hat
bestimmte
Neigungen,
kann
aber
lernen,
Situationen
anders
zu
bewerten,
neue
Reaktionen
aufzubauen und ungünstige Muster zu unterbrechen.
Ein
verhaltenstherapeutisches
Fallverständnis
kann
persönlichkeitspsychologisch
ergänzt
werden:
Welche
wiederkehrenden
Verhaltensmuster
bestehen?
Welche
Situationen
aktivieren
sie?
Welche
Bewertungen,
Ziele,
Selbstbilder
und
Motive
sind
beteiligt?
Welche
Konsequenzen
stabilisieren
das
Muster?
Welche
Ressourcen
sind
vorhanden?
Welche
Merkmale
müssen
berücksichtigt
werden, damit therapeutische Schritte realistisch und passend sind?
Damit
wird
Persönlichkeit
weder
ignoriert
noch
mystifiziert.
Sie
wird
als
empirisch
beschreibbares
Muster
verstanden,
das
in
konkreten
Situationen
wirksam
wird
und
therapeutisch
berücksichtigt
werden
kann.
Genau
das
unterscheidet
eine
wissenschaftlich
orientierte
Persönlichkeitsbetrachtung von bloßer Charakterdeutung.
16. Wissenschaftliche Haltung: keine Charakterdeutung, keine Schubladen
Persönlichkeitspsychologie
ist
dann
wissenschaftlich
wertvoll,
wenn
sie
präzise
misst,
vorsichtig
interpretiert
und
ihre
Grenzen
kennt.
Sie
sollte
Menschen
nicht
in
starre
Typen
pressen,
nicht
aus
Einzelsituationen
umfassende
Aussagen
ableiten
und
nicht
mit
eindrucksvollen Begriffen erklären, was sie nicht belegen kann.
Gleichzeitig
ist
Persönlichkeit
ein
wichtiges
Thema,
weil
psychische
Beschwerden
nie
völlig
losgelöst
von
individuellen
Mustern
verstanden
werden
können.
Zwei
Patienten
mit
derselben
Diagnose
können
sehr
unterschiedlich
sein:
der
eine
vermeidend
und
kontrolliert,
der
andere
impulsiv
und
konflikthaft;
der
eine
leistungsorientiert
und
selbstkritisch,
der
andere
resigniert
und
abhängig
von
äußerer Bestätigung. Eine gute Therapie muss solche Unterschiede berücksichtigen.
Für
meine
therapeutische
Haltung
folgt
daraus:
Persönlichkeit
ist
kein
Urteil
über
einen
Menschen,
sondern
ein
Arbeitsmodell.
Sie
hilft,
typische
Muster
zu
verstehen,
ohne
den
Patienten
darauf
zu
reduzieren.
Entscheidend
ist
nicht,
eine
Person
endgültig
zu
benennen,
sondern ihre Muster so zu verstehen, dass Veränderung, Entlastung und bessere Selbststeuerung möglich werden.
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bin,
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mich
bewege,
mich
pflege,
mich
kleide.
Centaurus
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